The Stanley Parable

Wenn die Leser dieses Blogs auf mich hören und mir vertrauen würden, würde ich nur schreiben „The Stanley Parable. Knapp 12 Euro. Bei Steam. Kaufen. Spielen. Jetzt“. Und ich würde da sitzen und auf den Dank in den Kommentaren warten… doch leider funktioniert das so nicht. Vor allem weiß ich gar nicht, ob die hiesige Stammleserschaft überhaupt ein Interesse an Videospielen, deren Mechaniken, Indie Games oder Spielen als Kunstform hat. Zeit, das herauszufinden.

„The Stanley Parable ist eine Erforschung von Handlung, von Spielen und von Wahl. Wenn man davon absieht, dass die Handlung egal ist, es sich vielleicht nicht einmal um ein Spiel handelt, und falls du jemals tatsächlich eine Wahl haben solltest, nun, lass mich wissen wie du das geschafft hast.“

Diese einleitenden Worte begrüßen den interessierten Webnutzer auf der Homepage zu dem Indie Game „The Stanley Parable“. Und obwohl die Begrifflichkeit „Game“ vermutlich tatsächlich nicht zutrifft, handelt es sich hierbei doch um eines der interessantesten, spannendsten und lehrreichsten Erlebnisse über Videospiele, deren Mechanik und mich selbst als Spieler, die ich in den letzten Jahren machen durfte. Und vermutlich eines der schwierigsten Themen, mit denen ich mich in meinem ersten Blogpost auseinandersetzen könnte. Hätte ich nicht wie zuerst angedacht etwas über die vierte Staffel von Arrested Development schreiben können? Oder schneller sein als die ehrenwerte tinitussi und meinen Senf zu The Purge loswerden? Nein, ich musste mich ja dafür entscheiden, für etwas, über das man eigentlich nicht schreiben kann oder sollte, meine eigenen Tasten zu drücken…

„The Stanley Parable ist ein First Person Erforschungsspiel. Du wirst als Stanley spielen, du wirst nicht als Stanley spielen. Du wirst einer Handlung folgen, du wirst keiner Handlung folgen. Du wirst eine Wahl haben, du wirst keine Wahl haben. Das Spiel wird enden, das Spiel wird niemals enden. Widerspruch folgt auf Widerspruch, die Regeln wie Spiele funktionieren sollten, werden gebrochen, dann erneut gebrochen. Diese Welt wurde nicht dafür gemacht, dass man sie versteht.“

Nun, wie beschreibt man am besten ein Nicht-Spiel, das aus dem puren Erlebnis heraus funktioniert? Abgesehen davon, dass mir das strenge Punkte-und-Prozent-Korsett der traditionellen Spieleberichterstattung generell zuwider ist, hier funktioniert es nicht ansatzweise. Die Grafik ist altbacken, gewinnt keinen Blumentopf. Die Soundkulisse ist bis auf einen exzellenten Erzähler so gut wie non-existent. Und Handlung … tun wir’s am besten dem Titel gleich und fangen erst gar nicht damit an. Dennoch, The Stanley Parable ist bedeutend mehr als die Summe seiner Einzelteile. Es geht um dieses eine Erlebnis, diese eine Erfahrung, um etwas, das jedes Spiel mit uns macht, dessen wir uns jedoch meistens einfach nicht bewusst sind. Doch wie soll man etwas in Worte fassen, das eigentlich nur erlebbar ist? Das unglaublich an Bedeutung verliert, wenn man es aus zweiter Hand erfährt?

Ich denke, ich entscheide mich hier für denselben Weg, den auch Galactic Cafe, die Entwickler dieser Parabel für ihre Demoversion gewählt haben: Ich spreche über die Idee dahinter, ohne über die eigentliche Reise zu sprechen. Mir fällt in den letzten Jahren nur ein Spiel, genauer sogar, nur eine Szene eines Spiels ein, die für mich eine ähnliche Erfahrung darstellte wie es The Stanley Parable macht: Heavy Rain. Auch eigentlich weniger Spiel, jedoch im Gegensatz zu Stanley eher ein interaktiver Film. In diesem gab es Momente, die extrem unbequem waren, mich jedoch als Akteur des Werks dazu gezwungen haben, sie zu erleben. Seien es nun die Momente als Ethan,  in denen ich vor der Wahl stand, mir einen meiner eigenen Finger abzuhacken oder den bewaffneten Drogendealer, selbst Vater zweier Kinder, umzubringen, um meinen eigenen Sohn vor dem sicheren Tod durch Ertrinken zu retten, dieses Spiel hat bei mir viel Eindruck hinterlassen. Hauptsächlich, weil ich mich noch nie so unwohl gefühlt habe, während ich vor der Konsole saß. Den expliziten Augenblick, den ich jedoch meine, den ich hier beschreiben und als Vergleich heranziehen werde … er wird mich mein Lebtag nicht loslassen. Und immerhin ist es mittlerweile über drei Jahre her, das die BluRay das letzte Mal in dem Laufwerk meiner PlayStation rotierte.

Madison Paige, Fotojournalistin, wittert die große Story und begibt sich eigenständig auf die Suche nach dem als Origami-Killer titulierten Serienmörder, der Kinder entführt und sie ertrinken lässt. Ihre Spur führt sie in das Haus eines Arztes, der bekannt dafür ist, mit der Verschreibung von Medikamenten recht lax umzugehen. Er bietet ihr einen Drink an, den sie ablehnen kann. Wenn sie daran nippt, wird sie ohnmächtig. Wenn sie ihn verschmäht, macht sich der Arzt auf, um ihr Rezept zu holen. Nun hat man einen kurzen Augenblick Zeit, das Haus nach Hinweisen zu durchsuchen – dauert der Augenblick jedoch zu lang, oder entscheidet sich in der falschen Richtung zu forschen, knockt einen der gute Herr Doktor aus.

Ich habe mich natürlich dafür entschieden, mir das Gift selbst zu verabreichen. Es macht jedoch keinen Unterschied, auf welche Art der Arzt Gewalt über einen bekommt – man wacht in der nächsten Szene benommen im Keller, an einen Operationstisch gefesselt wieder auf. Der Doktor erzählt einem, dass er verrückt geworden sei, seit er seine heißgeliebten Eingriffe nicht mehr vornehmen kann, und schreitet zur Tat. Er begibt sich mit einer Kreissäge (Knochensäge? Was weiß denn ich…) in der Hand immer näher zum Tisch, während man als Spieler nur die Möglichkeit hat, an seinen Fesseln zu rütteln, man kann nicht mal den Kopf abwenden und fühlt sich total macht- und hilflos. Seinem Gegner ausgeliefert. Welch großartiges Gefühl!

Warum empfand ich dieses Gefühl an dieser Stelle so großartig? Es ist nicht so, dass ich masochistische Fantasien habe, und mich danach sehne, ohne Anästhesie am lebendigen Leib operiert zu werden. Ich Weichei empfand ja schon das entfernen eines Abszesses mit örtlicher Betäubung als schlimm. Nein, es ging mir darum, hier eine Emotion durch ein Spiel vermittelt zu bekommen, die ich so im wirklichen Leben hoffentlich nie erleben werde, und die in mir noch kein anderes Stück Unterhaltung jemals hervorrufen konnte. Totale Hilflosigkeit.

So etwas Ähnliches macht ebenfalls The Stanley Parable. Nur mit einem gewaltigen Unterschied:  Es macht nichts essentiell anders als andere Spiele. Nur während andere Spiele uns bitten, nicht auf den Mann hinter dem Vorhang zu achten, hat sich Galactic Cafe dazu entschlossen, ihn mitten ins Scheinwerferlicht zu stellen. Und zeigt uns als Spieler auf, was Spiele mit uns machen. Und was wir gewollt ignorieren, um uns auf sie einlassen zu können.

„Aber während du forschst, beginnt sich allmählich eine Bedeutung hervorzutun, die Paradoxen könnten anfangen, Sinn zu ergeben, vielleicht bist du ja doch mächtig. Das Spiel ist nicht hier, um gegen dich zu kämpfen; es lädt dich zu einem Tanz ein.“

The Stanley Parable ist jetzt für 11,99 EUR auf Steam erhältlich. Jeder, der sich auch nur ansatzweise für Spiele interessiert, sollte dieses Erlebnis machen. Finde ich zumindest. Die Spieldauer beträgt, je nach Spieler, zwischen fünf Minuten und mehreren Stunden. Ich habe jede Sekunde dieses Tanzes genossen.

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Anmerkung: Alle in Anführungszeichen gesetzte Texte sind von der Homepage des Spiels entnommen und von mir mäßig ins Deutsche übersetzt worden. Die Seite zum Spiel findet ihr hier.

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