The Purge – oder die Perversion der Begriffe

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Vorneweg: Auch wenn mir im Nachhinein die ein oder andere kleine Schwäche in The Purge aufgefallen ist, so möchte ich dennoch den Film dringend empfehlen. Nicht nur aus dem Grund, weil ein Streifen m. E. nicht unbedingt akkurat wie ein Uhrwerk ticken muss, um funktionieren zu können (obwohl das natürlich die Hohe Kunst ist und ganz großartig, wenn es gelingt), sondern weil The Purge viel Diskussionsstoff birgt – und, trotz eigentlich „undenkbarem“ Szenario, in vielen Punkten/Themenbereichen nicht allzu weit von der Realität entfernt ist. Gerade was das Element Propaganda angeht.

Zunächst der Plot, da es sich hierbei lediglich um das handelt, was auch der Trailer verrät, noch keine Spoiler-Warnung.

USA im Jahr 2022. Die Arbeitslosenstatistik verzeichnet gerade mal ein Prozent Arbeitsuchender, Verbrechen findet angeblich (so gut wie) nicht mehr statt, Wohlstand und Sicherheit haben flächendeckend Einzug gehalten. Als Grund dafür verkauft uns der Film eine reinigende Freinacht, the Purge, zwölf nächtliche Stunden, in denen jedes begangene Verbrechen ungesühnt bleibt.

Die mediale Verarbeitung des vorgeblich reinigenden gesellschaftlichen Prozesses dieses Fegefeuers findet bereits in der Rahmenhandlung platz. Das Spektakel des Vorjahres stimmt via TV die Bevölkerung auf den „Lockdown“ um 19 Uhr ein.

… hier hören wir im Hintergrund die sanfte Spoiler-Sirene aufheulen und klinken uns bereits hier im Bedarfsfall aus…

Unser Familienvater (Ethan Hawke) gehört offensichtlich der materiell sorglosen Schicht an, er ist Vertreter für Sicherheitsanlagen und schwebt beruflich wie materiell gerade in den Wolken, da The Purge schließlich auch einen jährlich wiederkehrenden Konjukturfaktor darstellt. Die komplette Nachbarschaft hat er mit dem neuesten Produkt seiner Firma versorgt, ist noch reicher geworden dadurch, hat protzig angebaut. Bereits hier stellt man sich die ersten Fragen: Wie sichern/schützen sich wohl arme Menschen…? Wenn er so reich ist, wieso fährt er mit seiner Familie nicht einfach ein paar Tage weg? Wieso sind überhaupt alle so ruhig und finden sich mit einer doch schon auf den ersten Blick menschenverachtenden Politik ab? Es ist ja nicht nur so, dass in diesen zwölf Stunden nur Verbrechen ungesühnt bleiben. Polizei, Feuerwehr, Ärzte und Krankenhäuser verweigern den Dienst. Erst nach Ablauf des „Lockdowns“ um 7 Uhr morgens des Folgetages rücken diese „staatlich-gesteuerten“ Stellen wieder aus.

Da die Newsfeeds des Vorjahres bereits ein breites Spektrum an Gewalt aufgezeigt haben, beginnt der Zuschauer, sich unwohl zu fühlen. Die überaus positive, fast schon euphorische mediale Darstellung des jährlich wiederkehrenden Ereignisses betont den reinigenden, heilsbringenden Nutzen für die Gesellschaft – Propaganda? Oder Demagogie? Kann man sich vermutlich streiten, eine Perversion des (ohnehin in mehrerlei Hinsicht fragwürdigen) Fegefeuerbegriffs ist die jährliche Wiederkehr des Purge-Day allemal. Denn während in der Bibel noch Gott derjenige ist, der die Gläubigen im Purgatorium auf ihren wahren Glauben und die Qualität ihrer Taten des irdischen, fleischlichen Lebens prüft und danach in Selige und Verdammte scheidet (wie gesagt, auch hier kann man Diskussionen über Diskussionen führen, belassen wir es also beim Bibeltext), so zeigt sich in Amerika im Jahr 2022 die Oberschicht berufen für die Entscheidung, von wem „das Land“ gereinigt werden soll – selbstverständlich in bewährter Dog-Eat-Dog-Tradition. Auch eine Art des Totalitarismus.

… es schalten sich mehrere Spoiler-Sirenen aus verschiedenen Richtungen zu…

Im Film begegnen wir dem ebenso beliebten wie angsteinflößenden Motiv Home-Invasion auf verschiedene Weise. Zwar hat die Fokus-Familie selbstredend Daddys Verkaufsschlager zuhause installiert, doch der erste Eindringling sneakt sich bereits vor „Lockdown“ ins Haus, kennt sich bestens vor Ort aus und ist der als nicht-Schwiegersohn-tauglich eingestufte Freund der Tochter, der – ganz völlig fehlgeleiteter Knight in Shining Armour – wild entschlossen ist, alles, was sich der Liebe zu seiner Angebeteten in den Weg stellt (der Vater) in dieser Freinacht wegzuballern. Gelingt ihm nicht, er wird stattdessen vom Vater per Schusswaffe tödlich verwundet. Sofort öffnet sich im Geiste des Betrachters ein sehr wahrscheinliches Folgeszenario: Was macht wohl der Vater des erschossenen Jungen in der „Purge“ des Jahres 2023? Na?

Eben dieser unglückliche Schusswechsel zwischen dem Freund der Tochter und ihrem Vater ist dagegen schon der zweite Glücksfall für einen Obdachlosen auf der Flucht. Zuvor geschah bereits Lucky Strike No. 1: Der etwa zwölfjährige Sohn des Hauses bekommt über die Außenüberwachung mit, wie der blutende Fremde (ein Farbiger) verzweifelt nach Hilfe ruft und öffnet ihm die Schotten vor den Türen und Fenstern. Es ist m. E. bezeichnend für den Film, dass ausgerechnet ein Kind aktiv das Thema Menschlichkeit aufgreift. Der Vater schließt die Ein- und Ausgänge sofort wieder, doch der Fremde kann sich ins Haus retten und bei der anschließenden Schießerei zwischen Vater und dem Freund der Tochter ins Dunkel des Hauses flüchten.

Zwischenzeitlich ist eine Bande Oberschicht-Lümmel mit übelsten Absichten vor dem Haus eingetroffen. Sie zelebrieren die Gewalt ebenso wie die sich darum rankende Propaganda, die sie, die (potentiellen) Täter schützt und gleichzeitig genug Rechtfertigungsmaterial für die Richtigkeit ihres Tuns liefert um skrupellos vorzugehen. Sie fordern via Inter-Com die Herausgabe des bereits zuvor von ihnen verwundeten Fremden; sollte sich die Familie nicht zur Kooperation mit den selbsternannten Reinigungskräften entschließen, drohen sie im Gegenzug mit der Auslöschung der Familie.

Wieder tun sich Abgründe auf: Zunächst sind die beiden Eltern davon überzeugt, dass der Schutz der Familie die Auslieferung des Fremden geradezu bedingt, doch im Laufe ihres immer mehr ihren eigenen ethisch-moralischen Überzeugungen widersprechenden Tuns wird ihnen klar, wie sehr diese Umstände ihr Handeln ganz und gar entmenschlichen. Wer hat das Recht zu entscheiden, wer letztendlich die Schuld an etwas trägt? Sind wir denn überhaupt in der Lage, uns alle Informationen dazu zu beschaffen, die Frage nach der Schuld überhaupt beantworten zu können? Wirklich? Dient ein solches Handeln nicht immer auch dem Zweck der Rechtfertigung des eigenen Tuns in einem System, das von vornherein die Weichen so stellt, dass für Menschlichkeit kein Platz (mehr) ist?

… die Sirenen verstummen nacheinander in der Ferne…

Regisseur James DeMonaco bindet Reminiszenzen an Filme wie etwa Clockwork Orange oder auch Funny Games ein, ein Unterfangen, das auch wunderbar gelingt. Wenn sich Fragen nach der „Schuld“ von jemandem an etwas stellen, dann sind die dargelegten Verstrickungen meist so vielfältig, dass sich dieses Konzept als schlicht unbrauchbar herausstellt.
Was ist denn noch richtig, was falsch in einer Gesellschaft, die Mord und Totschlag – zumindest temporär – legalisiert? Auf was für ein System läuft sowas hinaus? Die uns hier vorgeführte Gesellschaft ist bereits komplett überwacht, durchdrungen von der dargestellten Regierungs-PR und löst (zugegeben: von oben verordnet) Probleme und Spannungen ganz nach machiavellistisch-grausamer Art: Alle Greueltaten für den Staat (als Ersatz für den Principe) möglichst grausam, mit möglichst viel Publikum – aber möglichst nur an einem einzigen Tag!

Für mich stellt sich unterm Strich in erster Linie die Frage nach dem System, das solche Gesellschaftsparalysen mit wiederkehrendem Ausbruch in dieser Form möglich machen könnte. Es ist ein System der Kontrolle, der Macht, der Ausbeutung, Unfreiheit, Manipulation, wiederkehrenden Sachwertezerstörung. Auch wenn man die Möglichkeiten/Realitäten der Auswüchse eines solchen Systems und ihre Wahrscheinlichkeiten diskutieren kann, so bleibt doch eine Gemeinsamkeit hängen: Von den Prinzipien her sind auch wir hier in dieser Realität durchdrungen von solchen Philosophien, die Herrschaft, Macht, Dominanz und auch ganz klar Ausbeutung, Ausgrenzung und somit Ungleichheit bedingen. Darin, dies aufzuzeigen, liegt die Stärke dieses Films. Als Vergleich könnte man anführen, The Purge hole das Thema Menschlichkeit, das in District 9 bereits die Forderung nach der Gleichwertigkeit ALLER Wesen (auch derer, die nicht irdisch abstammen) aufwirft, zurück auf die Erde, auf ein einzelnes, isoliert betrachtetes Land.

Zwei Zitate sind mir während des Films durch den Kopf geschossen. Zum einen „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“ von Marie von Ebner-Eschenbach. Und das andere Zitat war vielmehr so ne Erinnerung an einen kürzlich gehörten Podcast, in dem sich Ranga Yogeshwar und Frank Schirrmacher auf der Philcologne eigentlich über ihre jeweils druckfrischen Bücher unterhalten wollten, das dann auch irgendwie taten, die Unterhaltung jedoch wunderbar aktuell wurde durch die Einbeziehung des Themas NSA-Überwachung und was das Wissen darum und die ganze Propaganda inklusive Perversion der Unschuldsvermutung zu „Wenn du nichts zu verbergen hast, dann kannst du ja gegen Überwachung nichts einwenden“ mit uns anstellt. Sehr hörenswert. Das wiederum hat mich an ein Interview mit Dietmar Dath erinnert, das ich zuvor in der FAZ gelesen hatte. Darin erklärt Yogeshwar, der Physiker ist, ein wenig allgemeines zur Spieltheorie, die ja mittlerweile zur Grundlage vieler gesamtökonomischer und finanzwirtschaftlicher Prozesse (aller?) geworden ist. Diese Spieltheorie, genauer die zugrundeliegenden Algorithmen, kann bzw. können ja immer nur mit dem arbeiten, was an Info reingefüttert wird. Zitat: „Wer Menschen ausrechnet, braucht nicht nur Rechner, sondern auch einen Begriff davon, was das ist: ein Mensch. Man kann diesen Begriff spieltheoretisch formulieren – Ein Mensch ist einer, der rational spielt, um zu gewinnen. Wenn das Spiel aber etwa heißt: Der mit den wenigsten Fingern kriegt den Jackpot, dann gilt für ein spieltheoretisches Kalkül derjenige als rational, der sich die Finger abschneidet. Die neuen Überwachungstechniken scheinen die Wahrheit dieser spieltheoretischen Kalküle zu beweisen. In Wirklichkeit setzen sie die Geltung dieser Kalküle selbst erst durch – weil es nicht nur um Überwachung geht, sondern um die ökonomische, politische und militärische Macht, die da überwacht.“

Alles wahnsinnig aktuell also, und die Freunde des Horror/Home-Invasion-Genres kommen auch nicht zu kurz. All das lässt mich manch hölzernen, etwas arg plakativen Dialog vergessen… ganz davon abgesehen, dass ich durchaus bereit wäre in Betracht zu ziehen, dass das durchaus ein gewollter Effekt sein könnte. Die Propaganda, die hinter dieser ganzen totalitären Maschinerie steht, ist ein Schlüssel zum Verständnis, wie so etwas „passieren“ kann. George Orwell schreibt in 1984 von Neusprech, und wir können nicht so tun, als hätten wir diese Sprachperversion/Gedankenkontrolle nicht auch schon bei uns bemerkt.

Insofern:

Word-Control = Mind-Control = World-Control!

Und das hört garantiert nicht von alleine auf.

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