Lesetipp: Kathrin Hartmann „Wir müssen leider draußen bleiben“

Vergangene Woche bin ich über ein Interview mit Kathrin Hartmann gestolpert, Autorin des erst kürzlich erschienenen Sachbuchs „Wir müssen leider draußen bleiben – Die neue Armut in der Konsumgesellschaft“. Das Interview hat mir derart gut gefallen – kein Mangel an klaren Worten, kein um den heißen Brei rumreden, mit dem Verweis, dass alles im Buch steht und hier nicht zuviel verraten werden soll – dass ich mir das Buch sofort bestellt habe. Und nach der Abholung hat es zwei Tage gedauert, dann war ich durch.

Ja, ich hab’s im wahrsten Sinne des Wortes verschlungen. Die Methode, mit der Hartmann vorgeht, ist sehr wissenschaftlich. Sie belegt alles, hat stets vor Ort recherchiert (auch wenn vor Ort Bangladesch hieß) und vermeidet konsequent zu schnelle Schlüsse, auch wenn man ihre nagenden Zweifel durchaus merkt. Dass dann am Ende doch bestätigt wird, was viele von uns bereits recht schrumifumi im Hinterkopf geahnt oder sogar bewusst befürchtet haben, ist schlimm. Aber es ist dennoch notwendig, derlei Entwicklungen von all dem PR-Müll der Konzerne zu befreien und als klare Aussagen hinzustellen. Das tut Hartmann, indem sie nicht nur ihre eigenen Rechercheergebnisse darlegt, sondern auch die Erkenntnisse anderer zum gleichen oder zu angrenzenden/überlappenden Themen mit einflicht.

Die Kapiteleinteilung macht bereits deutlich: Hier versucht jemand, einen Überblick zugeben, und zwar einen vergleichenden, globalen, der alle Auswirkungen des konsumgesellschaftlichen Tuns aufzeigen möchte. Meines Erachtens gelingt Kathrin Hartmann das sehr gut. Über Ausgrenzung und die Kultivierung von Mythen, die den Hass gegen eine – wie auch immer geartete – Unterschicht schüren, schlägt sie den Bogen über die deutschen Tafeln zur Getrifizierung (und Supergentrifizierung), um sich dann den Reichen zuzuwenden. Sie zeigt viele viele Beispiele auf, wie sich die Reichen bereits in eine Parallelwelt verabschiedet haben, wie sie die Medien (bis auf sehr wenige Ausnahmen) auf ihre Seite ziehen und auch der bereits bekannte große Einfluß auf die Politik findet Raum. Zu guter letzt entlarvt sie noch sogenannte Sociual Businesses als das was sie sind: ganz normale profitstrebende (und somit moralfreie) Konzerne, die sich lediglich eine neue Art der PR ausgedacht haben. Und diese PR funktioniert. Denn sie beruhigt Gewissen auf der einen Seite und gleichzeitig ist der Aussagegehalt für uns alle nicht wirklich nachprüfbar. Siehe Hartmanns Suche nach der sozialen Joghurtfabrik in Bagladesch von Danone in Kooperation mit Muhammad Yunus (zu diesem – unfassbarerweise – Friedensnobelpreisträger erfährt man so einiges im Buch, das einem die Fremdschamesröte auf die Wangen treibt, so übel ist sein Tun. Man möchte nicht mehr Mensch sein). Yunus gilt als Erfinder der Mikrokredite, ein Instrument, mit dem die Ärmsten der Armen in eine unentrinnbare Schuldenfalle getrieben werden – während Reiche Spekulanten dadurch noch reicher werden.

Mein Fazit: Eine unbedingte Buch-Empfehlung. Es macht wütend, und ich hoffe wirklich, dass dieses Buch möglichst viele Menschen lesen. Liest sich so spannend wie ein Krimi, die Sprache ist unterhaltsam und schafft es doch, der Ernsthaftigkeit des Themas gerecht zu werden. Eigentlich hatte ich an ganz vielen Stellen im Buch eher den Eindruck, einen sehr gut geschriebenen Blogeintrag zu lesen, so kurzweilig war die Lektüre. Und aufregend, im Wortsinn. An einer Stelle schreibt Hartmann mal: „Man möchte schreien.“ Das kann ich bestätigen. Mehrfach knäuelte sich eine recht massive Wutkugel in meinem Bauch zusammen. So kann, so darf es nicht weitergehen. Wir können nicht weiterhin die Mär vom faulen Hartzer, der der Gesellschaft ganz schlimm auf der Tasche liegt aufrecht erhalten. Genauso wie uns doch klar sein muss, wie faul die Ausrede der „faulen Südländer mit mediterranem Verhältnis zum Geld“ ist. Wir können auch nicht länger so tun, als hätte deren Treiben nichts mit uns zu tun. Wir müssen uns wehren! und auch aktiv gegen diesen Wust an Vorurteilen vorgehen. Da hat Hartmann völlig Recht und spricht mir aus der Seele.

Einen Kritikpunkt habe ich aber doch, allerdings geht der nicht an Hartmann selbst, sondern ans Lektorat des Blessing Verlags: Ich hätte gerne den Preis des Buches auf 20 Euro aufgerundet gezahlt, wenn es dafür nen ordentlichen Lektor gegeben hätte. Fast auf jeder Seite mindestens ein Fehler. Doof.

    • alexander köpf
    • 16. Mai 2012

    werd ich mir besorgen.

  1. No trackbacks yet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: