Einige eher unsortierte Gedanken über die Arbeit

Ich hatte schon länger das Bedürfnis da mal ein Thema ansprechen, das mir sehr am Herzen liegt, ausdrücklich mit der Aufforderung, eure Gedanken dazu gern beizusteuern. Das hier soll von meiner Seite lediglich eine Art Gedankensammlung zum Thema sein, mit völlig subjektiven Beobachtungen und keinesfalls mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Vollständigkeit. Und trotzdem – soviel vorneweg – ist die Niederschrift meiner Gedanken etwas äh ..  länglich geworden. Ich sags nur.

Mich beschäftigt jetzt schon seit längerem das Thema Arbeit. Dass mich das Thema so umtreibt rührt sicherlich zu einem gewissen Teil noch aus einer Zeit, in welcher der Lohn für meine Arbeit schlicht nicht ausreichte, meinen Lebensbedarf zu decken. Die Folgen: Existenzangst. Ständiger finanzieller Druck. Schulden. Scheißlaune.

Aber andererseits eben auch: möglichst viel selber machen (Brot backen, überhaupt Kochen (nicht Essen gehen oder Junkfood-Versorgung), erste Experimente mit Gemüseanbau, etc. ).

Mittlerweile hat sich die Situation geändert, schon mal gut. Der finanzielle Druck is weg, ein Baukastensystem aus drei ziemlich verschiedenen Jobs sorgt für das saugute Gefühl, dass es auf jeden Fall reicht. Und Schulden bei nem Freund kann ich auch noch abbauen.

Dennoch bleibt ein schaler Beigeschmack: Bin ich krank, so verdien ich nix. Keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Selbstverständlich auch kein bezahlter Urlaub. Von sowas wie 13. Monatsgehalt oder Weihnachtsgeld und dergleichen fang ich jetzt gar nicht erst an.

Das Verstörende daran ist allerdings noch etwas anderes. Lange Zeit dachte ich, nur mit einem festangestellten, sicheren Job glücklich werden zu können. Aus meiner finanziellen Not heraus ist mir auch etliche Male der Gedanke gekommen, dass der Job dann ruhig auch langweilig sein dürfte, die finanzielle Sicherheit rechtfertige das.

Aber. Wie schaut’s denn aus bei Leuten, die genau das haben? Den (vermeintlich) sicheren Job mit wirklich ok-em Gehalt, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, bezahltem Urlaub, Weihnachtsgeld, Irgendwas-Prämie? Ich kenne da einige und man muss grob unterscheiden zwischen zwei Gruppen: Jenen, die ein persönliches Hobby/Geschick/Interessenfeld zum Beruf gemacht haben, und die anderen mit den langweiligen – meist Schreibtisch-basierten – Jobs.  Die Unterscheidung muss sein, weil schon hier auffällt, dass die erste Gruppe zwar gut – oft sogar sehr gut – verdient, aber meist selbständig agiert, während letztere in einem Angestelltenverhältnis sind. Und dieses angestellt sein scheint krank zu machen, denn wie sonst ist es zu erklären, dass es kaum jemanden aus dieser Gruppe in meinem Bekanntenkreis gibt, der nicht auf  mindestens drei bis vier Kranktage im Monat kommt.

Arbeit ist ein vielseitig belegter Begriff, doch er scheint in erster Linie negativ besetzt zu sein. Man konsultiere Wikipedia, Arbeit (Sozialwissenschaften), da wird man ja fast schon depressiv, allein bei der Etymologie. Und ganz schnell landet man bei Marx und Kapitalismus, bei Hegel und Entfremdung, bei Clausen und den destruktiven Folgen der Arbeit. Und eigentlich muss man auch gar nicht unbedingt in die Geschichte blicken; immer und immer wieder titeln Magazine mit Headlines wie „Volkskrankheit Burnout“ oder auch – gehört meines Erachtens dazu – „Volkssucht Alkohol“. Das Belohnweinchen oder das Feierabendbier soll schließlich den Scheißtag vergessen machen, ebenso wie den Frust darüber, dass man es eh nicht „ganz nach oben“ schafft sondern sich halt mit der Lohnerhöhung entweder etwas mehr leisten kann oder aber der Mieterhöhung gelassener begegnen kann.

Da läuft doch was schief, das ist doch nicht zu übersehen. Von Arbeitslosen hab ich ja jetzt noch gar nichts gesagt, die gibts ja auch noch, und da wird’s dann richtig übel, schon allein, weil wir ja alle total im Unklaren darüber sind, wieviele Arbeitslose es überhaupt gibt. Der Staat lässt es sich eine Menge kosten, genau das zu verschleiern. Und der Witz bei der ganzen Sache ist ja: Es ist ja nicht so, dass diese Leute nichts könnten. Sie haben oft nur das Pech, Berufe erlernt zu haben / Talente zu haben, für die es auf dem „freien Markt“ keine/zu wenige Stellenangebote gibt. Oder nur mit downgrade-Bezahlung, die das Führen eines kleinen Familienunternehmens unmöglich macht.

Deswegen bin ich so superfroh, dass die Piraten auf ihrem Bundesparteitag das BGE – bedingungsloses Grundeinkommen – als Ziel beschlossen haben. Wir kämen haushaltstechnisch mit einem Plus raus, jede Wette, weil man dann die ganze Agentur-für-Arbeit-Maschinerie samt Statistik-Schönheitsklinik von der Ausgabenliste streichen könnte. Plus: Nimm den Menschen den finanziellen Druck, und sie haben wieder den Raum, sich um ihr kulturelles Wohl zu kümmern. Und mit Tagespolitik beschäftigt man sich wahrscheinlich auch viel eher, wenn man nicht jeden Tag in die Fratze des Elends schauen muss.

Denn nur dann kann man sich Gedanken machen zu Alternativen, oder überhaupt darüber, warum es bei uns so läuft wie es läuft. Warum steckt das in uns so drin, dieses „nach oben orientieren“? Ganz klar, weil DIE da oben die Macht haben. Und die Kohle. Und Reichtum mehrt sich bekanntlich selbst. Die OECD hat übrigens erst vor einem guten Monat festgestellt, dass die Einkommensungleichheit in Deutschland rapide zunimmt. Kein Wunder also, dass der naheliegendste Gedanke dahin geht, dass man bitte selbst auch zu den wenigen Superreichen gehören will, die sorglos und recht frei agieren können. Nur isses aber leider auch eine Tatsache, dass mit dem Mehr an Mitteln, die zur Verfügung stehen auch die Ansprüche steigen. Und wenn die Ansprüche auf das, was einem zusteht, dann oft genug erfüllt wurden, so wird das als gegeben, als „gutes Recht“ verstanden. Dann haben wir ganz schnell so ne „Elite-Kacke“ am Kragen; haben wir ja eigentlich schon, wenn mich mich an das Wulff-Fernsehinterview erinnere (geskriptet oder nicht, egal), denn das Verstörende daran war nicht, was der Mann gesagt hat, sondern seine Haltung, die ganz klar aussagte, dass er sich keiner Schuld bewusst ist, oder zumindest, dass das in seinen Kreisen halt so ist – und warum sollen andere was dürfen und er nicht?

Das Problem liegt in meinen Augen am Prinzip der Konkurrenz, das sehr tief in unserer Gesellschaft verankert ist, schon allein weil es aus dem Kapitalismus erwächst. Ein System, das auf Konkurrenz basiert wird immer Gewinner und Verlierer kennen, oben und unten, Staat und Untertan. Dabei mögen wir es alle nicht, wenn wir Befehle bekommen; wenn wir behandelt werden auf eine Art, die uns klar machen, wo wir in dieser Gesellschaft stehen. Zum Beispiel in der Position des Steuerzahlers, der aber keine Lust hat, für die Verluste von Bankenmisswirtschaft geradezustehen – ohne in gleicher Weise dann auch im Gegenzug an den Gewinnen beteiligt zu werden; und dennoch dazu gezwungen wird.  Vielleicht ist aber auch der Samen der Konkurrenz bereits Teil des Kerns unseres Systems: der Demokratie. Unsere Demokratie basiert auf Abstimmung. Abstimmungen führen zu Mehrheiten und Minderheiten. Die Mehrheit bestimmt. Das könnte man auch als eine Form von Diktatur auffassen, jedenfalls führt das Prinzip Abstimmung grundsätzlich und zwangsläufig auch zu Konkurrenz. Wäre es da nicht viel besser, wenn man stattdessen auf Konsensfindung setzen würde. Das würde natürlich bedeuten, dass derart große Gruppen wie etwa die Bürger eines Nationalstaates keinesfalls unter einen Hut zu bekommen wären. Vielleicht schließt das Prinzip Konsens sogar den Staat als Gewalt per se aus, denn vermutlich wären die Gruppen, Netzwerke, Versorgungsgemeinschaften, die dann zu bilden wären zahlenmäßig eher kleiner anzusetzen, damit man nicht das Gefühl bekommt, in der Masse keine Chance auf Gehör zu finden. Ach, was sag ich, solche Strukturen können vermutlich eh nur von selbst und über einen langen Zeitraum entstehen. Man kann schließlich nicht von „denen da oben“ erwarten, dass sie ihre Pfründe freiwillig aufgeben.

Wo kann es also hingehen, mit der Arbeit? Was muss passieren, damit wir wieder gesünder mit unseren Tätigkeiten zum Lohnerwerb umgehen können? Eine Sache wäre sicherlich, unseren Nachwuchs nicht so sehr auf eine hoch angesetzte zu erzielende Geldmenge zu drillen, als zu einer klugen Neigungswahl zu erziehen. Was aus sich heraus Spass macht und Freude bringt kann schon mal nicht verkehrt sein. Dann denke ich muss sich ganz gewaltig was tun in puncto Arbeitszeit: Es wäre sicherlich nicht verkehrt, die Idee der Wobblies aus den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts fröhliche Urständ feiern zu lassen: Vier Tage die Woche, vier Stunden pro Tag. Es soll dabei natürlich niemand an einer freiwilligen längeren Arbeitszeit gehindert werden, wenn’s Spass macht, was will man mehr? Nicht nur Erkrankungen aufgrund von Arbeit/Stress würden zurückgehen, so ein System würde auch mehr Lebensqualität in Form von Freizeit, die man wiederum für Familie, Kultur, Sport, Schöngeistiges und was noch alles verwenden könnte. Außerdem reicht doch momentan die Arbeit eh nicht für alle; Politiker beschließen zwar ein Renteneintrittsalter von 67 Jahren, sagen uns aber nicht was Leute machen sollen, die mit 42 beispielsweise in der Lage sind, sich einen Job suchen zu müssen – und einfach nicht eingestellt werden, weil sich mehr oder weniger alle Arbeitsplatzanbieter darauf verständigt haben, dass Stellen nur an junge /jüngere Bewerber vergeben werden. Was bitte schön sollen diese Leute denn tun, die kommenden 25 Jahre bis 67? Und wie dann weiter? Üppig kann so eine Rente ja dann nicht ausfallen. Das BGE würde wenigstens garantieren, dass diese Menschen nicht mit galoppierendem Frustpotential von einer Enttäuschung zur anderen rennen, sondern wenigstens ihren Neigungen nachgehen können. Denn davon haben wir gesellschaftlich gesehen sehr viel Nutzen. Natürlich könnten wir alle mit unserem Lohn oder eben Grundeinkommen keine riesigen Sprünge machen, aber wäre es nicht sowieso mal wieder an der Zeit, über ein „Zieleinkommen“ nachzudenken, im Sinne von „Das, was mir reicht“, anstatt einem künstlich geschürten Glauben an ein  „immer-mehr-mehr-mehr“ hinterher zu rennen, der auf vielen Gebieten für zusätzliche, schwerwiegende Probleme sorgt.

Eines muss meiner Meinung nach aber ganz klar sein: Wofür wir auch kämpfen wollen, für mehr Lohngerechtigkeit, weniger Arbeitsstunden, bessere Arbeitsbedingungen, Aufhebung der Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen, freier Zugang zu Kunst, Wissen und Kultur, egal was, Gewalt ist keine Lösung und auch keine Option. Schaut man sich die Geschichte an, so ist das Frustrierende an Revolutionsgeschichte doch, dass es meist nicht sehr lange gedauert hat, bis sich die Gewaltdynamik der Bewegung gegen ihre ursprünglichen Befürworter gerichtet hat – und am Ende dann noch schlimmere, pervertiertere Zustände hervorbrachen, als man je sich hätte ausdenken können.

So. Ist noch jemand hier bei mir? Und? Gedanken, bitte.

 

    • Frau Merkwürden
    • 23. Januar 2012

    „Revolutionen sind nur radikale Wechsel der Schweine, die Tröge der Macht bleiben die selben.“ sagte schon Bakunin.
    Persönlich sympatisiere ich mit der anarchistischen Idee, habe aber keinen Plan, wie das in einem Land wir DE aussehen könnte. Wie du schon ausführst, kann diese Gesellschaftsform nicht in allzu großen Gruppen funktionieren, selbst in relativ kleinen Gruppen von 20 Individuen ist es manchmal ja schon schwierig, einen Konsens herzustellen… hängt auch von der Heterogenität innerhalb der Gruppe ab (die m.E. nach grundsätzlich auch etwas Positives ist). Also wenn ich mir die Geschichte und Gegenwart der Menschheit so ansehe… ich weiß nicht, ob der mentale evolutionäre Schritt schon getan ist, dass so ein System funktionieren könnte. Ich denke weiter darüber nach.

    Thema Arbeit:
    Tja, warum sind Angestellte häufiger krank? Weil es einfach ist, einfach anzurufen und zu sagen „Ich hab heute Kopfschmerzen, ich kann heute nicht arbeiten“, wenn du trotzdem am Ende des Monats die selbe Kohle auf deinem Konto hast wie immer. Das hat natürlich auch was mit Motivation zu tun. Ich seh es an mir: letztes Jahr war echt Scheiße, zwangsversetzt in eine Abteilung, wo es mir nicht gefiel, ergo hatte ich viel mehr Kranktage. Drauf geschissen, macht ja eh keinen Spaß. Jetzt in einer anderen Abteilung, selbst entschieden, ich wollte da hin, super Kollegen, netter Chef, ich darf wieder Ideen haben und selbst meinen Job gestalten: und wenn ich auch morgens immer wieder mal Kopfweh habe, ich gehe trotzdem hin, weil es Spaß macht, weil ich nicht fehlen möchte bei all den spannenden Dingen, die da so passieren.

    Zu den Themen Arbeit und Gesellschaftsform kann ich als gedankliche Exkursion folgendes Buch empfehlen:
    https://www.maroverlag.de/book.php?id=197&PHPSESSID=82ba39849c78684805ee7f3575f803a4

  1. @walter subject:
    Ja, das mit dem Sicherheitsdenken… kann schon sein, dass DAS die Sache scheitern lässt. Aber ich kann mir da noch einen Haufen anderer Gründe vorstellen, warum das so schnell nicht gehen wird, da brauchen wir uns nichts vormachen.

    Die Arbeitskräfte, die Jobs im Pflege- und Sozialbereich haben verdienen sicherlich viel zu wenig, vielleicht müsste man langfristig auch da über eine Grundversorgung nachdenken, allerdings schreit das gesamte Gesundheitssystem nach … ja, wonach eigentlich? doch nach einer NEUorganisation, denn wie man auf diesen Ruinen noch vernünftig (auf)bauen soll, ist mir schleierhaft.

    Die Kulturindustrie, hmmm, ja, ich bin natürlich total dagegen, dass kreativ Schaffende leer ausgehen. Die Kulturwertmark liefert da meines Erachtens ein ausgezeichnetes Modell, wie man das bewerkstelligen könnte. Im Prinzip so ähnlich, wie heute schon Flattr funktioniert: Alle, die am System teilnehmen (bei Flattr freiwillig, bei der Kulturwertmark wäre das beispielsweise über den Internetzugang denkbar) bezahlen einen bestimmten Betrag. Anschließend können sie am System teilnehmende Künstler für förderwürdig erklären (bei Flattr gibts den flattr-Button dafür), wenn man keinen Künstler speziell bevorzugt, dann wird auf alle Teilnehmer verteilt.Es werden Rechte in keiner Form von irgendwem erworben an irgndwas, außereben dem Recht der Gesamtheit Aller auf freien Zugang zur Kultur und Wissen. Wäre leicht denkbar.

    @Heinz
    Bei mir auch noch nicht so lang her, dass der Groschen in puncto Demokratie gefallen ist. Der Witz: Ich kann mich noch sehr gut dran erinnern, dass ich im Alter von 16 nach einem Pubertätsstreit auf Jemanden sauer war, weil er mir genau das sagte: „Demokratie is auch nix anderes als Diktatur; Die Diktatur der Mehrheit/Masse-“ Er hatte recht. Allerdings hat er es damals als Rechtfertigung/Wahrheitsbeweis für die Diktatur gesagt. Und DAS war der Aufreger.

    Konsensgesellschaften sind über unseren gesamten Globus verstreut, allerdings meist relativ kleine Gruppen, verglichen mit Nationalstaaten. Ich empfehle David Graeber: Frei von Herrschaft -Fragmente einer anarchistischen Anthropologie. Fand ich sehr hilfreich in puncto „den Denkzwinger verlassen“, denn nichts ist schwieriger (glaub ich) also diese eingefahrenen Denkmuster zu verlassen, mal wirklich neu zu ordnen und zu tun, als ob nix eingeschliffen wär.

    @dennis:❤ ! ich mag das. ich hätte schlimmeres erwartet, aber du hast anscheinend zuende gelesen, immerhin, wenn auch nicht sehr aufmerksam. aber egal, ich glaube deine und meine Position sind nicht so weit entfernt, ich drück mich halt anders aus.

    • Heinz der Förster vom Wald
    • 21. Januar 2012

    @Dennis: Inwiefern hat die Französische Revolution Probleme gelöst und für wen? Würdest du dasselbe auch über die russische Revolution sagen, über Mao oder über die Aufstiege der Kim Jong Ils dieser Welt? Wie erklärst du dir den Zusammenbruch der Ostblockstaaten, die Befreiung Indiens von der Kolonialherrschaft, den Untergang des Apartheidstaats? Gewalt mag die häufigste Quelle von Umbruch sein, aber ob man die Ergebnisse als „positiv“ bewertet, hängt sicher stark damit zusammen, ob man irgendwo weit weg im Fernsehsessel hockt und Pizza isst, oder ob man eher zu den Bauernopfern gehört, die live in den Abendnachrichten über die Klinge springen. So ein zynischer und undifferenzierter Käse!

    Ich war nicht mit der Occupy-Bewegung beim Demonstrieren; ich bin mir auch nicht sicher, ob ich da dabeisein will, weil ich zwar wie fast alle Leute empfinde, dass mit unserem System was nicht stimmt, mir aber nicht wirklich sicher bin, wie man das ändert, so dass was Besseres dabei rauskommt. Aber sich zurückzulehnen und in die Welt zu posaunen, wer alles verblödet ist, weil er laut darüber nachdenkt, wie man etwas ändern könnte, finde ich die feigste aller Optionen. Ideen niedermachen kann jeder, schlag doch mal was vor, was konstruktiver ist als die Guillotine!

    @tinitussi: Ein sehr interessanter und ausgewogener Artikel, der mich ins Nachdenken gebracht hat. Viele einzelne Gedanken, über die man separat lange diskutieren könnte: Neu war mir die Idee, dass die Demokratie selbst den Konkurrenzkampf in sich trägt. Frage, wie könnte so eine Konsens-Gesellschaft aussehen?

    Was die Bürojobs angeht, da falle ich vielleicht ein bisschen aus der Reihe: Ich glaube, im Büro zu arbeiten an sich macht mir Spaß, solange es kreativ ist und mit Texte verfassen oder Weiterbildungen konzipieren zu tun hat und die Arbeitsatmosphäre OK ist, was sie bei mir nicht ist, aber das ist ja nicht unbedingt ein grundsätzliches Problem.

    Wenn ich könnte, würde ich sicher nur 30 Stunden in der Woche arbeiten und dafür mehr draußen sein und mich bewegen oder lesen, aber weniger müsste es glaub nicht unbedingt sein. Ich weiß nicht, ob Schreibtischarbeit an sich krank macht oder eher die Rahmenbedingungen, die von Leuten verlangen, für den schönen Schein unbezahlte Überstunden zu machen, obwohl es keine Arbeit gibt oder Aufgaben zu erledigen, die objektiv gesehen Schwachsinn sind und nur gemacht werden, weil es dem Chef gerade eingefallen ist oder weil ein Unternehmen schlecht organisiert ist, was man dann aber nicht aussprechen darf.

    Mit dem BGE, das finde ich ein faszinierendes Thema und würde gerne noch mehr rausfinden, unter welchen Umständen das gelingen könnte, oder ob es doch zum Scheitern verurteilt ist. Das erste Problem, das mir einfällt: Hätten wir dann noch Leute, die die Müllabfuhr erledigen würden, putzen gehen oder die Kläranlage beaufsichtigen? Oder irgendwelche stinklangweiligen Abrechnungen erstellen? Oder wäre es dann vielleicht so, dass nach den Gesetzen des Marktes mehr Geld für schmutzige und fade Arbeit bezahlt würde als für solche, die vielen Spaß macht? Würde man dann aber noch genug Leute finden, die jahrelang studieren und dann irgendein Controller werden wollten, wenn es sich finanziell viel weniger rechnet? Und wer würde die ganzen Arbeitsplätze zur Verfügung stellen, die Spaß machen? Es gibt ja jetzt schon zu wenige!

    Ich denke immer, wieso machen wir nicht das, was früher auch funktioniert hat, verteilen einfach das Geld wieder besser um, machen Kindergarten beitragsfrei, zahlen den Leuten das Studium, wie in Skandinavien? Ich verstehe nicht ganz, warum diese Option so wenig diskutiert wird; sie mag ja Nachteile haben, aber eben auch Vorteile.

    Völlig deiner Meinung bin ich, was die Umverteilung von Arbeitszeit angeht: Auf der Ebene von gleich qualifizierten Arbeitskräften wäre es oft ein Leichtes, aus einem 60-70-Stundenjob mit einem Burnout-Kandidaten zwei 30-35-Stundenjobs für zwei ausgeruhte und produktive Angestellte zu machen. Ich habe neulich einen Vortrag gehört von einer Unternehmerin, die das IT-Unternehmen „Genua“ bei München leitet und die genau das macht.

    http://www.genua.de/genua/unternehmen/index.html

    Warum? Weil sie so hochqualifizierte Fachkräfte braucht, dass sie sehr viel attraktivere Arbeitsbedingungen schaffen muss als andere. Unterwegs hat sie dann aber auch bemerkt, dass die Leute viel produktiver sind, während die Geschäftspartner im Meeting teilweise fast nichts aufnehmen können, unkonzentriert sind oder sogar einschlafen. Die haben dann eben mindestens 60-Stunden-Wochen.

    Ein Traumarbeitgeber wär das für mich! Leider viel zu weit weg, um hinzupendeln. Soviel für heut!

  2. Bedingungsloses Grundeinkommen wird wohl am Deutschen Sicherheitsdenken scheitern. Um Altersarmut einzuschränken wäre es wohl das einzige funktionierende Instrument. Um die Motivation der Arbeitnehmer (i.e. bisherige Geringverdiener oder Langzeitarbeitslose) trotzdem anzukurbeln müsste man vielleicht eine Eintrittsaltersbeschränkung einführen. Ausserdem ist es doch sowieso z.B. im Sozialen Bereich schon so, daß viel Arbeit wenig Lohn bringt. Will der Altenpfleger für ein paar Euronen mehr noch weiter buckeln wenn die Differenz nicht mehr relevant ist? Die meist Schreibtisch-basierten Jobs machen krank, weil meiner Meinung nach diese Gesellschaft in ihrer FREIZEIT oft nix anzufangen weiß. (Freier Zugang zu Kultur könnte Abhilfe schaffen, zerstört aber die leider nötige „Kulturindustrie“) Was ist dann erst mit den Jobs die wirklich körperlich krank machen? Besetzen wir die dann mit Pendlern aus angrenzenden Ländern oder sucht sich die Industrie dann anderes Kanonenfutter? BGE – Diskussion ist ´ne super Sache, auf einen „Feldversuch“ wär ich echt gespannt. Leider wirds eine Utopie bleiben weil Industrie und Wirtschaft so einer Politik immer einen Riegel vorschieben werden. Die Immer mehr-mehr-mehr Religion wird ihre 10 Gebote nicht umschreiben wollen und ihren Einfluss auf die Politik geltend machen wie bisher.
    Naja, und Gewalt ist schon eine Lösung -sollte aber keinesfalls (!) eine Option sein. Um das zu kapieren muß man kein verblödeter Hippie sein.

    • Dennis
    • 20. Januar 2012

    „Und dieses angestellt sein scheint krank zu machen, denn wie sonst ist es zu erklären, dass es kaum jemanden aus dieser Gruppe in meinem Bekanntenkreis gibt, der nicht auf mindestens drei bis vier Kranktage im Monat kommt.“
    So ein Quatsch. Die 4 Kranktage kommen nicht vom angestellt sein, sondern von den Grippeviren. Ausserdem sind Freiberufler viel gefährdeter was Burnouts usw. angeht. Der Artikel besteht größtenteils aus Gejammer, verkommener Sozialromantik, und bescheuerter Träumerei (4h Arbeitstag usw.).

    • Dennis
    • 20. Januar 2012

    Freier Zugang zu Kunst und Kultur untergräbt die Verdienstmöglichkeiten derer, die Kultur bereitstellen. Damit schafft man Kultur eher ab als sie zu fördern.
    Ich bin dagegen, dieses System mit Gewalt zu bekämpfen, dennoch würde ich das generell nicht ausschliessen. Gewalt ist oft die einzige Option zur Veränderung und löst manchmal die Probleme, siehe Französische Revolution und Arabischer Frühling. Revolution endet zwar nie in paradiesischen Zuständen, trotzdem würde ich die Resultate meist als positive Veränderung werten. Gandhi wird völlig überbewertet, in der Regel schaffen sich totalitäre Systeme nicht selbst ab, und die ganzen Occupycamper interessieren doch niemanden ausser die Sympathisanten dieser Bewegung. Wer Gewalt generell in jeder Situation ablehnt ist für mich ein verblödeter Hippie, der nichts aus der Geschichte gelernt hat. Das Hitlerattentat beispielsweise war super, ist nur schade dass es nicht geklappt hat

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