Dicke Eier

Mit 10 Jahren gehört einem die Welt, zumindest dachte ich das damals.  Gerade schloss ich erste Freundschaften mit Mädchen, glaubte zu wissen, wer ich sei und hatte mir alle deutschen Spielerbildchen der Fußball-EM 1992 zusammengegessen, dank eines übermäßigen Hanuta- und Duplokonsums, der meine Mutter zur Weißglut brachte. Dann sollte die Zeit kommen, die alles zerstört: Mädchen waren auf einmal fremde Wesen, die sprießenden Haare warfen das mühsam erlangte Selbstbildnis über den Haufen und Fußball war auf einmal ziemlich langweilig geworden. Doch bevor sich die Schatten der Veränderung  auf mein Leben legten, hatte ich mit meinem damaligen besten Freund Peter diesen ständigen Wettstreit laufen, wer mehr prunken und protzen kann. Das fing an mit: wessen Vater das Auto mit den meisten PS fahre. Die Fahrleistungen wuchsen großmäulig rasant an und aus einem biederen Volkswagen aus Wolfsburg wurde plötzlich ein roter Teufel aus Maranello. Und reichte bis zu Urlaubserlebnissen: „Was, ihr seid nach Mallorca an den Strand geflogen?“  Worauf ich natürlich kontern musste: „Naja, wir waren nur in den Bergen. Aber dafür wir haben sooo große Schluchten durchstiegen. Dabei hat sich eine Steinlawine gelöst und zwei Leute in den Tod gerissen!“ Gefahr war dabei das Qualitätsiegel eines abenteuerlichen Urlaubs schlechthin und in meiner damaligen Welt, in der man wöchentlich eine Mutprobe bestehen musste, essentiell.
Die Sommer verbrachten wir damals oft im Freibad und wobei es ganz entscheidend war, die richtige Uhr am Armgelenk zu tragen. Aber nicht irgendeine Uhr, sondern es musste ein Zeitmesser sein, der wasserdicht ist. Gab es noch vor einem halben Jahrhundert den Krieg der Knöpfe, so war es nun ein freundschaftlicher Krieg der Uhren.  Wichtig war nämlich die Tatsache, wie tief mit der Uhr tauchen konnte, ohne das sie dabei kaputt geht. Peter hatte zuerst eine Uhr mit 20m Wasserfestigkeit. Im Sommer darauf konterte ich mit 30m. Mein Freund verwand diese Niederlage, indem er sich zu seinem Geburtstag eine mit 50m schenken ließ. Es war wunderbar absurd, denn das Schwimmbecken,  im Jargon „das Tiefe“ genannt, war  gerade mal fünf Meter tief. Und keiner von uns beiden zeigte Anzeichen der nächste Jaques Costeau zu werden. Es ging nur darum die dicksten Eier zu haben.

Peters 50 meter wasserdichte Uhr hätte nun knapp 20 Jahre später zum Einsatz kommen können. Vor Finnland lag in 45 Meter Tiefe ein 200 Jahre altes Schiffswrack, aus dem dieses Jahr 168 Champagnerflaschen geborgen wurden. Kenner verkostetenschon in Frankreich den alten Schaumwein. „Ein derartiges Aromen-Feuerwerk habe ich noch nie erlebt: Blumen, Zitronen, mitunter eine Prise Mandarine – und vor allem ein wahnsinnig langer Abgang“, säuselte der Weinexperte François Hautekur vom Champagnerhaus Veuve Cliquot glückselig. Die Bouteillen sollen kommendes Jahr versteigert werden, wobei allen für einen der edlen Tropfen bis zu 100.000 Euro geboten werden dürften, wie Experten vermuten.
Für mich klingt das nach einer Schnapsidee. Denn diejenigen, die sich so eine teure Flasche leisten können, sind in der Regel keine Weinkenner und werden den Paradiesgeschmack der Zitrusfrüchte in der Gurgel überspringen. Auch als Wertanlage erscheint es mir zweifelhaft, denn wie für Briefmarken gelten dafür lediglich Sammlerpreise. Es geht nur darum, vor seinen Freunden und Speichelleckern zu beweisen, dass man die dicksten Eier hat. Vielleicht trifft es ein Witz von Woody Allen ganz gut: Ein Mann geht zum Psychiater und sagt: „Mein Bruder sagt, er sei ein Huhn.“ Darauf sagt Psychiater: „Gut, schicken sie ihn her.“ Der Mann antwortet: „Das kann ich nicht machen, ich brauch doch die Eier.“

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