Der letzte Satz

Friedhofsstimmung: Familien besuchen heute an Allerheiligen ihre Verwandten, die dem bewußten Leben bereits den Rücken zugekehrt haben. Die Verblichenen sind oder werden gerade vom bakteriellen Leben in den ewigen Kreislauf wieder einverleibt. Übrig bleiben dann lediglich die langsam verblassende Erinnerung an den Verstorbenen und ein Grabstein mit Blumenrabatten. Doch mit welchem Satz will Hinz und Kunz auf dem Grabstein in Erinnerung bleiben? Bei einer Durchsicht eines x-beliebigen  Friedhofs dominiert leider die schlichte Wortlosigkeit. Kein Apercu, nichts. Nüchtern sind die Daten des Toten auf der Grabplatte vermerkt.  Wenn derjenige religiös war, heißt es himmelnd: „Herr, schenke ihr/ihm die ewige Ruhe.“ Langweilig! Für fremde Friedhofsbesucher wäre doch ein Hinweis auf den Verrottenden hilfreich, um sich ein Bild, einen Reim auf das gelebte Leben zu machen. Früher wurde man noch ganz stolz als Metzgermeister oder Oberleutnant der Reserve bestattet. Immerhin bekommt man eine Vorstellung, was wohl ein wesentlicher Lebensinhalt desjenigen gewesen sein musste. Als Kind stellte ich mir dann vor, dass der Metzgermeister mit einem Fleischerbeil oder der Soldat einen Säbel als Grabbeigabe mitbekommen haben – so wie es bei den Ägyptern oder Kelten der Brauch war. Schließlich sollten sie ja auch im Jenseits weitermetzgern oder Krieg spielen können. Leute ohne Berufsbezeichnung waren aus meiner kindlichen Sicht wohl in Rente und konnten deswegen auch im Himmel nicht mehr arbeiten. Wer alt stirbt, hat demnach auch im Paradies wirklich Ruhe.

Dagegen gibt es eine ganze Reihe von berühmten Leuten, die an die Friedhofsbesuchernachwelt denkt und ein Bonmots an der letzten Ruhestätte hinterlassen haben.  Bei Rilke heißt es hochtrabend: „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern. “ Dank dem Dichterpathos ist auch gleich die Profession des Herrn Rilke erkennbar; vielleicht gab man ihm ja einen Schreibfüller mit auf die Reise.  Den Schauspielern sitzt dagegen gern der Schalk im Nacken. Bei Clark Gable sollte  „Zurück zum Stummfilm“ eingraviert werden. Seine Verwandten konnten sich allerdings nicht dazu durchringen. Das war auch bei  W.C. Fields der Fall. Er wünschte sich: „Hier liegt W. C. Fields. ich würde lieber in Philadelphia leben.“ Kreativ scheinen dagegen die Australier zu sein. In Coober Pedy, einem großen Dorf mitten im wüsten australischen Nichts, steht auf dem örtlichen Friedhof statt eines Grabsteins ein Bierfass mit der Inschrift „Have a drink on me“. Das ist doch die Ode an das Leben. Wie könnte man einen Toten noch besser ehren oder in Erinnung behalten?

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